ÜBER DAS PROJEKT

In der Welt von heute wimmelt es von ausgegrenzten Menschen, die darum kämpfen, sich Gehör zu verschaffen. Ein ausgegrenztes Wesen ohne Stimme ist ein doppelt ausgegrenztes Wesen. Das kann jedem Menschen passieren, der kein bestimmtes Profil hat, einem “Mann ohne Eigenschaften”, wie Musil sagen würde, der in einem Randbezirk der Stadt lebt: Er gehört keiner der Klassen an, in denen die Marginalisierung strukturiert ist, und ist damit – wie schrecklich! – ein konventionelles Wesen. Er hat keine Stimme, niemand wird einen Lautsprecher vor ihn stellen, da sich niemand dafür interessiert, was er aus seiner irrelevanten “Normalität” heraus zu sagen hat. Mit dieser doppelten Marginalisierung beschäftigt sich Marcelo Viquez in seinem Projekt “3 barrios 3”, das in den Außenbezirken von Palma auf Mallorca entwickelt wurde.

Die ausgewählten Stadtteile Son Gotleu, La Soledad und Polígono de Levante repräsentieren die amorphe Peripherie des östlichen Teils der Stadt, wo jede Stimme in einer Art planetarischem und urbanem Hintergrundrauschen untergeht und das Rasseln der Hektik des Viertels keinen Raum für eine Beschwerde oder einen Seufzer lässt. Das Projekt wird durch eine interaktive Webseite realisiert, auf der auf einem Stadtplan die Standorte der Aufnahmen erscheinen, die Marcelo Viquez von diesen stummen Stimmen gemacht hat. Der Zuschauer oder Konsument des Projekts kann jeden Ort anklicken und sich die Aufnahme anzeigen lassen oder eine beliebige Bushaltestelle in jedem Viertel aufsuchen, wo er auf dem OPI neben dem Wartehäuschen (OPI steht übrigens für “Objeto Publicitario Iluminado”, eine beleuchtete Werbetafel) einen lapidaren Satz aus der an diesem Ort gemachten Aufnahme findet, schwarz auf weiß. Es handelt sich um fordernde, eindringliche, im Allgemeinen glückliche Phrasen. Es sind Sätze von Menschen, die sich ihrer eigenen Marginalisierung bewusst sind und sie deshalb ungefiltert aussprechen. Diese Phrasen wurden vom Künstler wie ein Objet Trouvé aufgefunden und in einer Art rein konzeptuellen Readymades hervorgehoben.

Der Vorschlag von Marcelo Viquez steht in der Tradition der so genannten Partizipationskunst und greift wesentliche Aspekte der von Bourriaud definierten Beziehungskunst auf, zumal er sich auf „die Sphäre der menschlichen Beziehungen und ihren sozialen Kontext“ konzentriert. Das zweiseitige Format des Projekts, eine digitale und eine analoge Seite, offenbart eine tyrannische Realität, in der eine neue Marginalisierung gegenüber den technologisch unversierten Menschen entsteht, von denen einige schlichtweg dazu verurteilt sind, weil ihnen die wirtschaftlichen Ressourcen fehlen, um sich der neuen Normalität anzuschließen.

Der Künstler ist sich seiner eigenen Ausgrenzung bewusst und kämpft darum, eine Stimme zu haben und sie mit seinen Leidensgenossen zu teilen. Wenn er mit seiner Stimme allein und immer im Abseits bleibt, hat er sein Hauptziel mit diesem Stück erreicht.